Freitag, 5. August 2016

Gedankengrütze #3



 Hej,

Gerade eben wusste ich noch ganz genau was ich schreiben wollte. Gerade eben, als ich noch Musikhörend in meine Decke eingekuschelt in meinem Bett lag. Bevor ich aufgestanden war um meinen, naja, eigentlich den Laptop meines Bruders, vom Schreibtisch zu holen. Kleine Info am Rande, es ist 23:54 Ich sollte eigentlich schlafen. Tue ich aber nicht. Offensichtlich. Gut, um die Uhrzeit schlafe ich in letzter Zeit so gut wie nie um ehrlich zu sein. Nachts werden die Gedanken aktiv. In meiner aktuellen Lage ist das besonders schlimm. Lars meinte es ginge ihm ähnlich. 

Glaube ich sofort. 


Aber bleiben wir bei mir. Wieso ich nur noch schwer einschlafen kann? Naja, ich fliege nun einmal bald. Und ich habe immer noch keine Gastfamilie. Die Gefühle spielen verrückt. Ich bemerke Charakterzüge an mir, die ich nie zuvor feststellen konnte.

„Es liegt doch eh an mir, dass mich niemand will…“ Das sagte ich zu Lars. „Jaja, ich weiß. Alle sagen, dass das nicht an einem selbst liegt, aber an was denn dann bitteschön? Man, es kann es doch nicht sein, dass explorius unter 8 Millionen Schweden niemand findet, der zu mir passt, ohne Witz! Ich hab kein Bock darauf, dann in Kopenhagen zu sein um dann zu erfahren, dass man zusammen mit einem anderen ATS in eine Welcome Family kommt, die einen nur aufnimmt, weil niemand sonst einen will. Na super.“


Ja. Genau sowas passiert fast jeden Abend. Tagsüber ist das komischerweise nie so. Aber Abends… Selbstzweifel, Wut, Angst,… alles Mögliche. 


Man hört von anderen immer nur zwei Fragen. „Du freust dich doch bestimmt schon voll, oder?“ und „Na, schon aufgeregt?“
Auf beide könnte ich nur noch mit einem Seufzen antworten. Zur ersten Frage. Klar, eigentlich würde ich mich wie verrückt auf Schweden und das Jahr freuen, aber dieses ganze Gastfamilienthema zieht einen krasser runter als man denkt. Bevor ich dazu noch etwas sage, die andere Frage beantworte ich meistens mit nein. Ich bin nicht aufgeregt. Aufgeregt wäre ich, wenn ich eine Gastfamilie hätte. Dann würden mich Dinge beschäftigen, wie z.B. sind meine Gasteltern wirklich so nett wie in den Mails? Wie klingen ihre Stimmen? Wie wird mein Zimmer aussehen? Werde ich das Schwedisch verstehen? Und so weiter. Das wäre für mich Aufregung. Und naja. Ich hab halt keine Gastfamilie, ne?



Wie versprochen noch Mal einen kleinen Exkurs zum Thema Vorfreude.
Gerade die gleiche Situation wie ganz am Anfang. Ich weiß nicht wie ich anfangen soll.
Naja. Im Juni war die Vorfreude riesengroß. Ohne Witz, ich war hart hyped um es mal in der „Jugendsprache“ auszudrücken. Anfang Juni vor dem VBT, da war alles noch so weit weg. Klar, es hat praktisch niemand eine Gastfamilie, kein Stress, nach dem VBT kriegste deine bestimmt auch demnächst. Ende Juni war da. Hm, immer noch keine. Anfang bis Mitte Juli dann, es hieß ja eh, dass es länger dauern kann. Mitte Juli. Eeeeeehm. Also, es könnte sich vielleicht mal jemand für mich interessieren… Pleeeeeaase?! 1.8. Excuse me?!

Jetzt. Juhu. In Kopenhagen dann. Super. Juhu. Safe Double Placement. Nice. Dafür zahlt man so viel Geld, dass Explorius nicht mal das hinkriegt. Super. Ganz toll.

Der Optimismus schwindet, der Pessimismus gewinnt an Macht. Wieso? Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Ich bin nämlich eigentlich gar nicht die Person für so eine Einstellung, was also führt mich dazu? Was verleiht ein dauerlachendes Mädchen dazu plötzlich nur noch schwarz zu sehen?


Ich habe da die letzten paar Tage oft drüber nachgedacht, auch mit anderen Austauschschülern, und ich bin immer noch zu keiner gescheiden Lösung gekommen. Leider. Ich hätte gerne eine Lösung, denn wenn ich eine Antwort hätte, wäre ich mir im Klaren darüber, was eigentlich mein Problem ist und wenn ich mein Problem kennen würde, könnte ich es aus der Welt schaffen, was im Umkehrschwung bedeuten würde, dass ich mich dann wieder komplett auf Schweden freuen könnte.

Theorie Nummer eins. 

ICH WEIß ES NICHT!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!


Vielleicht hatte ich ja von Anfang an zu große Anforderungen, oder vielleicht habe ich auch nur zu große Angst vor meinen eigenen Träumen, ich habe keine Ahnung. Schweden ist nun mal mein größter Traum. Ja, man soll keine Vorstellungen haben, aber man hat welche. Meine waren es halt immer, dass ich so n Monat vorher meine Gastfamilie krieg, mit ihnen E-Mails schreibe, sie frage, ob es möglich wäre auf das Daniel Adams-Ray Konzert am 22.9. in Stockholm zu gehen, etc.
Tja. Dumm gelaufen. Aber alles. Keine Gastfamilie, ich bin in ner Woche in Kopenhagen, das Konzert ist meines Wissens nach ausverkauft. Super. Selbst wenn es noch Karten gäbe, man kann das nicht bringen so in ne komplett fremde Familie zu kommen und erst mal zu fragen, ob man auf n Konzert gehen kann. 



AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH



[Aber Stopp! Haltet ein, diesen Einschub hier schreibe ich am nächsten Morgen, während ich mir meine negtiven Vibes von gestern noch einmal durchlese. Mensch Linnea, es läuft nun mal nicht immer so, wie man es gerne hätte. Zieh den Stock aus dem Arsch und werde erwachsen! Es stimmt, man lernt schon vor dem eigentlichen ATJ so viel über sich.]



Ich muss gerade an meine unweisen Worte von Anfang dieses Jahres denken. „Selbst wenn ich meine Gastfamilie erst kurz vor Abflug kriege, wäre doch auch irgendwie witzig.“ NEIN IST ES NICHT!

Wobei, bin das ich, die das denkt? Oder lässt mich der Druck, den andere auf mir ausüben das denken? Wer macht am meisten Druck. Freunde, die nicht aufhören zu fragen, Menschen, die sich erkundigen, ob du denn keine Angst hast oder sind es die anderen ATS, die einen immer sofort wissen lassen, wenn sie ihre Gastfamilie haben. Und man selbst steht noch immer ohne da.

Alle sagen immer, dass die Gastfamilie der wichtigste Teil eines ATJs ist. Ich habe das nie geglaubt. Oder zumindest nicht richtig. Ich weiß es immer noch nicht. Ich fühle mich gerade aber allgemein recht schwach. Also weder körperlich noch geistlich, sondern willentlich. Der Wille mein eigenes Ding zu machen, der Wille zu denken was ich denke und so anderer Scheiß.
Und gerade jetzt ist mir was aufgefallen. Jetzt, um halb 1 in der Nacht. Gut, eigentlich sind die Ideen um die Uhrzeit immer total beschissen, ich spreche aus Erfahrung, aber egal. Diese WhatsApp-Gruppe tut mir nicht gut. Ich habe dadurch viele neue tolle Leute kennengelernt (@Jojo, @Lars), aber durch sie mache ich mich irgendwie selbst verrückt. Paradebeispiel: Dieser Blogeintrag.

Ich weiß, ich sagte selbst, dass ich nicht genau weiß, was mich runter zieht, aber irgendwie scheint mir das die plausibelste Erklärung.

Ich werde die Gruppe jetzt verlassen.

Habe sie gerade verlassen.



Was ich mit diesem Blogeintrag bewirken wollte, weiß ich jetzt selbst nicht so genau, ich weiß nicht einmal ob ich ihn hochladen werde. Wahrscheinlich schon. Ich will nämlich ehrlich und „relatable“ sein. Nicht so wie andere, die nur das Gute an einem ATJ zeigen. Das kommt nämlich noch dazu, fällt mir auf. Vor meinem eigenen ATJ habe ich viele Blogs gelesen, und fast alle haben immer nur Gutes geschrieben, wie super es ihnen geht und wie happy sie doch mit ihrer Gastfamilie sind. Jup, das Gefühl nicht daszuzupassen oder anders zu sein, spielt auch eine Rolle, nur mal so nebenbei.

Egal.

Oder?

Ich sollte schlafen. Es ist 00:37.

Ups. Ich habe jetzt 1133 Wörter geschrieben.

Zweck erfüllt. Glaube ich. Meine Gedanken sind jetzt wenigstens etwas freier und geordneter. Ich will aber immer noch Tee.

Seufz. Dieses ATJ killt mich noch :D

Aber ich freue mich natürlich trotzdem. Ich habe aber auch Angst. Aber nicht vor den 0815 Dingen, nein, ich habe Angst davor, dass ich meinen eigenen Anforderungen an mich nicht gerecht werde.







Nachwort:

Nach einer Nacht mit dann doch noch ausreichend Schlaf, habe ich mir alles noch einmal durchgelesen. Himmel, ich werde hier voll zum Emo :D
Nein, ohne Witz, an alle zukünftigen ATS: Ich habe diesen Eintrag vor allem für euch hochgeladen. Ich finde es wichtig auch einmal negatives zu Teilen. Während eines Austauschjahres ist nicht immer alles toll. Weder vor Abflug und schon gar nicht danach. Aber es ist auch wichtig mal über seinen Schatten zu springen und darüber hinwegzusehen. Das habe ich hiermit getan. Ich hätte einfach viel viel früher meinen Laptop oder ganz herkömmlich Stift und Papier nehmen sollen und meine Gedanken und Gefühle aufschreiben sollen. Oder einfach mit jemanden darüber reden. Das kann ich aber nicht so krass gut, ich schreibe lieber. Das kann ich besser. Deswegen schreibe ich ja meinen Blog und führe keinen YouTube Channel. Ich schweife schon wieder ab.
Ich hoffe ich habe euch jetzt nicht runtergezogen, denn eigentlich denke ich, dass dieser Eintrag eventuell irgendwie hilfreich sein könnte. Ja.

Vi ses,
Linnea 

Kommentare:

  1. was passiert denn, wenn du erstmal keine Familie hast?

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    1. Naja, ich bin ja noch bis zum 13.8. in Kopenhagen, bzw am 13.8. geht es nach Schweden weiter. Für den äußerst seltenen Fall, dass bis dahin keine Familie gefunden wurde kommen die betreffenden ATS in sogenannte Welcome-Families.
      Ich kenne aber auch Geschichten von ATS die in diesen Familien waren und die meisten waren dann das ganze Jahr dort, weil sie sich in der Familie so wohl gefühlt haben.

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  2. Ich bin mir sicher, dass es unter all dieses Schweden, die du so passend angesprochen hast eine Familie gibt, die genau dich braucht und möchte, es aber vielleicht noch nicht weiß. Ich weiß, ich kann mich nicht beklagen, aber ich kann deine Gedanken nach vollziehen und bin mir sicher, dass du eine Gastfamilie bekommst. Vielleicht läuft es nicht so, wie du dir vorgestellt hast und vielleicht wirst du und vorallem deine Geduld noch ein bisschen auf die Probe gestellt, aber dann, wenn du es gar nicht erwartest, kommt deine Email oder dein Anruf von DFSR.

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    1. Ja klar, aber ewig Zeit ist halt auch nicht mehr. Um ehrlich zu sein nur noch Montag oder Dienstag.

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